Spitalgeschichten

Chefvisite

Montagmorgen, 7.30 Uhr. Ich schlafe tief und fest. Endlich! Nachdem ich mich die ganze Nacht übergeben und kaum ein Auge zugemacht habe, meinte es das Sandmännchen gegen 5 Uhr dann doch gut mit mir und liess mich ein wenig zur Ruhe komme. „Frau H. Frau H, aufwachen.“ Der perfekt gestylte Assistenzarzt mit den gegelten Haaren reisst mich aus dem Schlaf. Er will wissen, ob mir immer noch schlecht ist und einen Blick auf meine Verbände werfen. „Danach können Sie gleich weiterschlafen.“ Juhu.

Fünf Minuten später erscheint der im Frühdienst für mich zuständige Pfleger im Zimmer. Ich mag ihn wirklich gerne, aber als er den Lichtschalter betätigt und es plötzlich grell wird im Raum, hätte ich ihm gerne ein Kissen an den Kopf geschmissen. „Ich brauche noch schnell ihr Gewicht.“

Irgendwas ist heute anders…Nicht, dass sonst schlampig gearbeitet würde, aber so streng nach Zeitplan läuft es, insbesondere in den frühen Morgenstunden, eigentlich nie.

Als raus aus dem Bett und rauf auf die Waage. Mein Körper hat seit der Operation vor einer Woche Wasser eingelagert, aber es geht scheinbar zurück.

Da ich sowieso nicht mehr schlafen kann, setze ich mich an den Bettrand um einen verlockenden Zwieback und eine Naturejoghurt zu essen. Normalerweise ist das noch nicht mal eine besonders verlockende Zwischenmahlzeit, aber mein Magen sträubt sich immer noch gegen alles andere. Der Pfleger rückt die Bettdecke zurecht, damit es anständig aussieht. Ob’s hilft? Ich für meinen Teil bin noch völlig gerädert von der Nacht und das sieht man mir wohl an. Bevor ich wirklich wieder vorzeigbar bin, braucht’s mindestens eine ausgiebige Dusche und einen Klamottenwechsel.

Um 8.45 ist es dann endlich soweit, der Tross in weiss, bestehend aus dem Chefarzt, einem Oberarzt, mehreren Assistenzärzten, Unterassistenten und Medizinstudierenden betritt den Raum. Sie sagen kurz hallo, jeder Patient wird vom zuständigen Assistenten vorgestellt (darum war er ja vorher da, um sich auf den neusten Stand zu bringen), das weitere Vorgehen wird besprochen, „Alles Gute und auf Widersehen“. Das war’s.

Die ganze Aufregung also für knapp zwei Minuten und ich glaube, meine Zimmernachbarin hat bis jetzt keinen Schimmer, was da überhaupt vor sich ging.

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