Spitalgeschichten, Studiumsgeschichten

Die andere Seite

Nach meinem Praktikum als Ernährungsberaterin im Kinderspital habe ich die letzten zehn Tage selber als Patientin im Krankenhaus verbracht. Nachdem ich die ersten Tage nach der Operation so mit Morphium vollgepumpt war, dass ich noch nicht einmal Handynachrichten lesen geschweige den beantworten konnte, kehren die Lebensgeister nun langsam zurück und ich kann mich auch wieder um meinen Blog kümmern.

Im letzten Semester haben wir im Studium viel darüber gelernt, wie man mit mangelernährten Patienten im Krankenhaus umgehen sollte und warum es wichtig ist, dass wir auch essen, wenn es uns nicht so gut gehen. Auch wenn man nach einer Operation den ganzen Tag nur im Bett liegt, brauchen wir Energie, damit unser Körper weiter funktionieren und wir uns von den Strapazen erholen können. Von der kalorischen Seite her brauchen wir mindestens unseren Grundumsatz, je nach Erkrankung sogar deutlich mehr. Wir brauchen beispielsweise Protein für die Wundheilung, gegen den Muskelabbau und zur Stärkung des Immunsystems sowie Calcium und andere Mineralstoffe, damit sich unsere Knochensubstanz nicht abbaut und all die fleissigen Enzyme im Körper effizient arbeiten können. Soweit die Theorie.

Ich weiss nun aber aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, schon vor dem Frühstück 12 Tabletten zu schlucken und danach vor dem Tablett mit dem Essen zu sitzen und keinen Bissen runterzukriegen. Ständig stand mir vor Augen, dass ich ein Paradebeispiel für meine nächste mündliche Prüfung wäre, bei der es genau um diese Tehmatik gehen wird.

20160125_073939

Schmerzmittel und Antibiotika hemmen den Appetitt, machen den Magen-Darm-Trakt träge oder verursachen sogar Übelkeit. Obwohl ich wusste, wie wichtig es wäre, dass ich genügend Nahrung zu mir nehme, konnte ich einfach nicht essen. Drei Bissen pro Mahlzeit und ich war bis obenhin voll, manchmal kam es auch wieder hoch. Das hat mich frustriert und geärgert, weil ich es doch eigentlich besser wusste. Die Folgen davon waren, dass mein Kreislauf verrückt gespielt hat und mir oft schwindlig war. Die Wundheilung verlief zum Glück trotzdem ohne Probleme und ich habe mir auch keinerlei Infekte eingefangen.

Ich bin jung und ich war beim Eintritt ins Krankenhaus gut ernährt. Für ältere, bereits mangelernährte Patienten oder solche mit einer stark konsumierenden (energieverbrauchenden) Krankheit wie beispielsweise gewisse Tumorerkrankungen, kann die Appetitlosigkeit aber zum Verhängnis werden.

Zu wissen, wie es ist, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr essen mag, wird mir in meiner Tätigkeit als Ernährungsberaterin hoffentlich helfen, viel Verständnis für meine Patientinnen und Patienten aufzubringen, denen es ähnlich geht. Ausserdem wurde mir wieder einmal bewusst, dass Richtlinien und Standards aus Lehrbüchern zwar Sinn machen und zur Orientierung durchaus hilfreich sind, entscheiden ist aber schliesslich, für jede Patientin und jeden Patienten individuell den besten Weg zu suchen, um die Gesundheit zu fördern und die bestmögliche Lebensqualität zu gewährleisten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s