ERB-Geschichten

Ungesehene Reste

Ich hatte heute einen fast komplett blinden Klienten in Begleitung seiner Ehefrau in der Ernährungsberatung. Er wurde vom Hausarzt wegen Übergewicht und einem neu diagnostizierten Diabetes mellitus Typ II überwiesen. Im Lauf der Beratung stellte sich rasch heraus, dass sein Hauptlaster sogenannte Stärkebeilagen sind: Reis, Polenta, Bulgur, Quinoa und ganz besonders Teigwaren.

Der Mann erzählt mir, dass er jeweils abends zwei grosse Teller Pasta schöpfe und da er zu der Generation gehört, die als Kind noch gelernt hat, dass man immer alles aufessen muss, nehme er halt manchmal dann auch noch die Reste. Seine Ehefrau, die sehr bemüht ist, ihm beim Gewichtsmanagement zu unterstützen, grinst: „Der Vorteil daran, dass er nicht sehen kann, ist, dass ich ihm problemlos erzählen kann, die Pfanne sei leer, obwohl noch Reste übrig sind.“ Ich bin erst etwas baff ab dieser Aussage, doch ich merke rasch, dass auch mein Klient herzlich darüber lachen kann und amüsiere mich mit den beiden. Sich selbst und sein Schicksal nicht immer so ernst zu nehmen, ist und bleibt eben eine hervorragende Ressource für unbeschwerte Momente. Bei ihm besteht zumindest nicht die Gefahr, dass die Augen grösser sind als der Hunger.

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Essgeschichten

Essen in der Blinden Kuh

Am Freitag habe ich gemeinsam mit vier Freunden ein Abendessen in ganz besonderer Atmosphäre genossen. Es war dunkel. Schwarz.

Im Restaurant Blinde Kuh in Zürich bekommt man einen Eindruck davon, wie man sich fühlt, wenn man nicht sehen kann. Man sieht absolut nichts und mit nichts meine ich nichts.

Die übersichtliche Speisekarte ist im Eingangsbereich an die Wand projiziert. Drei Vorspeisen, zwei Hautspeisen, drei Desserts sowie ein Surprise Menue, welches man nach Belieben als Drei- oder Viergänger geniessen kann. Jacken, Taschen und Handys deponiert man in einem Schliessfach.

Nachdem wir unsere Speisen und Getränke ausgewählt haben, holt uns die Sehbehinderte Anja ab. Sie begrüsst uns gut gelaunt und führt unsere kleine Bolognaise an. Hinter dem schwarzen Vorhang ist es schon wesentlich dunkler als davor, aber wir können noch gut sehen. Während sich unsere Augen an die veränderten Lichtverhältnisse anpassen, erklärt uns Anja, wie das Essen in der Blinden Kuh funktioniert. Wir bestellen, sie serviert und bei Wünschen, Unpässlichkeiten oder Fragen sollen wir einfach laut ihren Namen rufen.

Es geht los. Anja voran, ich lege meine Hände auf ihre Schultern und hinter mir folgen die anderen. Sie gibt mir den Stuhl in die Hand und ich taste ihn ab, damit ich mich möglichst nicht gleich auf den Boden setze. Geschafft!

Kein bisschen Licht dringt in den Raum und es ist so stockfinster, wie es stockfinsterer nicht sein könnte. Man sieht die eigene Hand vor Augen nicht, geschweige denn das Trinkglas oder die anderen Gäste. Trotz der vielen Stimmen um mich herum komme ich mir seltsam alleine vor. Meine Augen suchen krampfhaft nach etwas, an dem sie sich festhalten können, aber es gibt nichts.

Das Essen ist ein Abenteuer. Wir haben das Menue Surprise bestellt, wissen also nicht, was uns erwartet. Zur Vorspeise gibt es für mich eine Suppe. Na prima. Damit kleckere ich schon jedes Mal, wenn ich alle meine Sinne gebrauchen kann.

Was sonst so beiläufig geschieht, fordert in der absoluten Dunkelheit vollste Konzentration. Als eine Freundin sich beim Hauptgang darüber beschwert, dass das Fleisch schwer zu schneiden sei, ziehe ich sie damit auf, dass sie mit ihrem Messer vielleicht gar nicht das Fleisch sondern die Serviette zu zersägen versucht. Ausserdem bemerken wir schon recht bald, dass wir müde werden und das Führen eines Gesprächs sowie das aufmerksame Zuhören anstrengender sind als in der Helligkeit.

Bis auf eine Kirsche, die mir beim Dessert vom Löffel rutscht, esse ich ohne nennenswerte Zwischenfälle (glaube ich zumindest). Als uns Anja aus der Finsternis in den abgedunkelten jedoch mit Dimmlicht beleuchteten Gang führt, wird mir zuerst schwindlig und ich fühle mich wie auf hoher See bei starkem Wellengang.