Alltagsgeschichten

Leben streifen

Nun arbeite ich schon seit fast sechs Wochen als Ernährungsberaterin i.A. in einem Schweizer Akutspital. Was soll ich sagen? Es ist toll! Die Zeit vergeht wie im Flug, ich lerne jeden Tag dazu und beginne Stück für Stück, mich in meiner Rolle als ernährungstherapeutische Fachperson wohl und zuhause zu fühlen.

Dabei berührt es mich immer wieder, wie nahe ich den Menschen komme, wenn ich mit ihnen über das Essen spreche. Sie erzählen mir aus ihrem Leben, lassen mich teilhaben an ihren Ängsten und Sorgen und vertrauen mir das eine oder andere Laster an. Ich streife Leben, Schicksale, jeden Tag. Die einen lassen mich näher an sich heran, die anderen halten mich auf Distanz. Beides ist okay.

Wenn ich ein Patientenzimmer betrete oder eine Klientin aus dem Wartezimmer abhole, weiss ich nie, wer oder was mich erwartet. Es gehört zu meinem Beruf, in sekundenschnelle die verbalen und insbesondere auch die nonverbalen Signale meines Gegenübers aufzunehmen und mich auf dessen individuelle Persönlichkeit einzulassen. Das ist zuweilen sehr anstrengend, aber wenn man nach einigen Minuten Gespräch von einer zunächst ablehnenden und verschlossenen Patientin ein aufrichtiges Lächeln bekommt, war es die Mühe mehr als wert. Diese Moment sind es unter anderem, die meine Arbeit so wundervoll machen.

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Spitalgeschichten, Studiumsgeschichten

Die andere Seite

Nach meinem Praktikum als Ernährungsberaterin im Kinderspital habe ich die letzten zehn Tage selber als Patientin im Krankenhaus verbracht. Nachdem ich die ersten Tage nach der Operation so mit Morphium vollgepumpt war, dass ich noch nicht einmal Handynachrichten lesen geschweige den beantworten konnte, kehren die Lebensgeister nun langsam zurück und ich kann mich auch wieder um meinen Blog kümmern.

Im letzten Semester haben wir im Studium viel darüber gelernt, wie man mit mangelernährten Patienten im Krankenhaus umgehen sollte und warum es wichtig ist, dass wir auch essen, wenn es uns nicht so gut gehen. Auch wenn man nach einer Operation den ganzen Tag nur im Bett liegt, brauchen wir Energie, damit unser Körper weiter funktionieren und wir uns von den Strapazen erholen können. Von der kalorischen Seite her brauchen wir mindestens unseren Grundumsatz, je nach Erkrankung sogar deutlich mehr. Wir brauchen beispielsweise Protein für die Wundheilung, gegen den Muskelabbau und zur Stärkung des Immunsystems sowie Calcium und andere Mineralstoffe, damit sich unsere Knochensubstanz nicht abbaut und all die fleissigen Enzyme im Körper effizient arbeiten können. Soweit die Theorie.

Ich weiss nun aber aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, schon vor dem Frühstück 12 Tabletten zu schlucken und danach vor dem Tablett mit dem Essen zu sitzen und keinen Bissen runterzukriegen. Ständig stand mir vor Augen, dass ich ein Paradebeispiel für meine nächste mündliche Prüfung wäre, bei der es genau um diese Tehmatik gehen wird.

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Schmerzmittel und Antibiotika hemmen den Appetitt, machen den Magen-Darm-Trakt träge oder verursachen sogar Übelkeit. Obwohl ich wusste, wie wichtig es wäre, dass ich genügend Nahrung zu mir nehme, konnte ich einfach nicht essen. Drei Bissen pro Mahlzeit und ich war bis obenhin voll, manchmal kam es auch wieder hoch. Das hat mich frustriert und geärgert, weil ich es doch eigentlich besser wusste. Die Folgen davon waren, dass mein Kreislauf verrückt gespielt hat und mir oft schwindlig war. Die Wundheilung verlief zum Glück trotzdem ohne Probleme und ich habe mir auch keinerlei Infekte eingefangen.

Ich bin jung und ich war beim Eintritt ins Krankenhaus gut ernährt. Für ältere, bereits mangelernährte Patienten oder solche mit einer stark konsumierenden (energieverbrauchenden) Krankheit wie beispielsweise gewisse Tumorerkrankungen, kann die Appetitlosigkeit aber zum Verhängnis werden.

Zu wissen, wie es ist, wenn man von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr essen mag, wird mir in meiner Tätigkeit als Ernährungsberaterin hoffentlich helfen, viel Verständnis für meine Patientinnen und Patienten aufzubringen, denen es ähnlich geht. Ausserdem wurde mir wieder einmal bewusst, dass Richtlinien und Standards aus Lehrbüchern zwar Sinn machen und zur Orientierung durchaus hilfreich sind, entscheiden ist aber schliesslich, für jede Patientin und jeden Patienten individuell den besten Weg zu suchen, um die Gesundheit zu fördern und die bestmögliche Lebensqualität zu gewährleisten.

Studiumsgeschichten

Berüchtigte Physiotherapeuten

Jede Berufsgruppe hat ihren ganz speziellen Ruf…

Erster Studientag an der Berner Fachhochschule 2014, Begrüssung durch die Studiengangsleiterin. Unterthema: Wie kleide ich mich als Studierende oder Studierender der Ernährung und Diätetik an der Berner Fachhochschule? Aussage: „Nicht wie die Physiotherapeuten.“

Erster Praktikumstag im Kinderspital, Gespräch mit der Leiterin der Ernährungsberatung. Unterthema: Wie kleide ich mich als Praktikantin der Ernährungsberatung im Kinderspital? Aussage: „Nicht wie die Physiotherapeuten.“

Oops!

 

Spitalgeschichten

Die andere Welt

Sobald ich ein Krankenhaus betrete, tauche ich in eine andere Welt ein. Sei es zum Arbeiten oder als Patientin – und diese beiden Situationen unterscheiden sich wiederum stark voneinander – das Leben ausserhalb verliert ein Stück weit an Bedeutung.

Wenn ich arbeite, dann bin ich zwar noch mich selbst, aber ich bin auch immer in einer Rolle drin: Moni die Pflegepraktikantin oder bald Moni die Praktikantin in der Ernährungsberatung. Man bekommt eine Uniform und ein Namensschild und hat fortan eine ganz bestimmte Funktion im Mikrokosmos Spital. Den Patienten ist es ziemlich egal, ob ich schlecht geschlafen oder mich gerade gestritten habe. Es spielt für sie keine Rolle und darf meine Arbeit nicht beeinflussen. Ich bin da, um ihnen zu helfen und etwas Gutes zu tun und nicht umgekehrt. Das soll aber auf keinen Fall bedeuten, dass nicht auch ich jeden Tag vom direkten Kontakt mit den Patienten profitiere. Gerade weil ich es liebe, mit Menschen zu arbeiten, habe ich auch einen Beruf im Gesundheitswesen gewählt.

Als Patientin bin ich ziemlich stark auf mich und den „kranken“ Teil von mir fokussiert. Wenn ich mir vor einer Operation noch Gedanken darüber mache, wie ich es schaffe, den verpassten Stoff im Studium möglichst schnell nachzuholen, spielt es keine Rolle mehr, sobald ich ein Patientenarmband trage. Dann sind andere Dinge wichtig. Ich freue mich dann über jeden Besuch, jede liebe Whatsapp-Nachricht und jedes freundliche Wort von der Pflege oder den Ärzten.

Was macht ein Krankenhaus zu einer solchen Parallelwelt? Vielleicht, weil man sowohl bei der Arbeit als auch als Patientin viel Zeit darin verbringt und es einem im Prinzip alles bietet, was man zu Leben braucht: Essen, Betten, Badezimmer. Über den Komfort lässt sich selbstverständlich diskutieren. Freude und Leid liegen nahe beieinander, viele Patientinnen und Patienten befinden sich in einer schwierigen und intensiven Lebensphase. Jeder Tag ist anders, zuweilen unvorhersehbar und sowohl eine mentale als auch körperliche Herausforderung. Da bleibt eben nicht mehr so viel Platz für anderes.

Studiumsgeschichten

Der lange Weg ins dritte Semester

Unglaublich aber wahr: Moni hat es ins dritte Semester geschafft!

Wenn man die drei Jahre Studium, dich ich schon hinter mich gebracht habe, zusammenzählt, könnte ich eigentlich schon den Bachelor haben. Wenn man die beiden Zwischenjahr noch dazu nimmt, sogar den Master. In Wirklichkeit starte ich am 14. September ins dritte Semester. Zum ersten Mal.

Es hat ein bisschen länger gedauert, bis ich meinen Platz in der grossen Welt der Studien- und Berufswahl gefunden habe. Als Schülerin wollte ich unbedingt Primarlehrerin werden, jahrelang. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass Kinder ungeheuer anstrengend sind und ich mit meinen 1.57 m und meinem eher sanften Gemüt nicht unbedingt zur Respektsperson tauge. Dann wollte ich Medizin studieren. Unbedingt. Es war mein ganz grosser Traum. Ich bin zweimal am Numerus clausus gescheitert und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich darüber hinweggekommen bin.

Von 2011 bis 2012 habe ich an der Universität Zürich Psychologie studiert. Ich habe nach dem Assessmentjahr zusammen mit rund 600 anderen die Prüfungen abgelegt und bestanden. Ich hätte ins dritte Semester einsteigen können, ganz legal, aber ich wollte nicht. Die Psyche des Menschen interessiert mich noch heute und ich fand die Vorlesungen damals sehr spannend, aber ich konnte mir je länger je weniger vorstellen, mein Leben damit zu verbringen, mir die Probleme anderer anzuhören. Viele Psychologen arbeiten in der Forschung, aber dort wäre ich wohl auch nicht glücklich geworden. Ausserdem erschienen mir manche Theorien über die menschliche Psyche doch sehr abstrakt und teilweise an den Haaren herbeigezogen. Vielschichtige Persönlichkeiten aufgrund von irgendwelchen Tests oder spezifischen Merkmalen in Schubladen zu stecken, um sie besser greifbar zu machen, behagt mir nicht.

An der ETH, wo ich von 2012 bis 2013 Gesundheitswissenschaften und Technologie studiert habe, habe ich wunderbare Menschen getroffen, mit denen ich heute noch befreundet bin und engen Kontakt pflege. Es herrschte eine komplett andere Atmosphäre als an der Universität. Obwohl wir auch weit über 200 Studierende waren, kannte man sich und es wurde trotz der hohen Anforderungen viel gelacht. Ich habe viel gelernt über Chemie, Biologie, Mathematik und sogar ein bisschen über Biomechanik. Für eine genügende Note bei der Basisprüfung nach dem ersten Jahr hat es nicht gereicht. Da war mein Selbstwertgefühl ziemlich angeknackst und ich hatte für ein paar Tage grosse Lust, alles hinzuschmeissen und mich nur noch im Bett zu verkriechen.

Schliesslich habe ich mich doch aufgerafft und ich bin zur Studienberatung gegangen. Sie hat mich auf den Studiengang „Ernährung und Diätetik“ an der Berner Fachhochschule aufmerksam gemacht. Ich habe die Informationsveranstaltung besucht, mich angemeldet, erst die schriftliche und dann die praktische Aufnahmeprüfung bestanden und den dritten Erstsemestrigentag meiner Studentinnenkarriere hinter mich gebracht.

Im vergangenen Jahr ist viel passiert. Ich bin von daheim aus- und in eine WG eingezogen. An der Fachhochschule habe ich viele tolle neue Leute kennengelernt und bin intensiv in die Welt der gesunden Ernährung eingetaucht. Mein erstes Praktikum als Ernährungsberaterin in der Psychiatrie hat mir Spass gemacht und gezeigt, dass ich dieses Mal auf dem richtigen Weg bin, auch wenn die Psychiatrie selbst wohl nicht das Arbeitsumfeld meiner Wahl sein wird. Ich habe zwei grosse Operationen und unzählige Arzttermine hinter mich gebracht, trotzdem alle Prüfungen bestanden und nie die Motivation für das Studium verloren. Letzte Woche bin ich aus der WG aus- und in eine Einzimmerwohnung eingezogen.

Mein Weg ins dritte Semester hat fünf Jahre gedauert, aber es waren keine verlorenen Jahre. In dieser Zeit habe ich viel gelernt, über die Welt und über mich. Ich habe Menschen getroffen, die mir wichtig sind und ich habe Erfahrungen gesammelt, die mich zu dem machen, was ich heute bin. Jetzt bin ich bereit für das dritte Semester, ausgestattet mit einem ganzen Rucksack voller Werkzeuge und Ressourcen, um die kommenden Herausforderungen bewältigen zu können.