ERB-Geschichten

Lieber Mensch

Patient: „Sie sind ein lieber Mensch.“ Der knapp 90-jährige Mann tätschelt grossväterlich meinen Arm und fährt fort: „Ich bin zwar nicht gläubig, aber wenn es einen Himmel gibt, dann kommen Sie bestimmt irgendwann dahin.“

Made my day!

Alltagsgeschichten

Moni-Zeit am Morgen

Mein biologischer Rhythmus entspricht weder dem einer Lärche (Frühaufsteher) noch dem einer Eule (Nachtmensch). Würde man mich in die Tierwelt einordnen wollen, wären wohl Faultier und Siebenschläfer meine engsten Verwandten. Ich brauche sehr viel Schlaf und seit ich Vollzeit arbeite sowieso. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich mich um 20 Uhr mit einem Hörbuch ins Bett verkrümle und nach wenigen Minuten eindöse.

Obwohl ich mehr Herdentier als Einzelgängerin bin, brauche ich möglichst jeden Tag Zeit nur für mich selbst. Wenn mir diese Moni-Time über eine längere Zeitspanne hinweg fehlt, fühle ich mich viel schneller gestresst und ausgelaugt.

Meine Arbeit als Ernährungsberaterin macht mir sehr viel Spass, aber sie fordert mich auch. Nicht nur, was das Fachliche betrifft, sondern vor allem auch menschlich. An Arbeitstagen bin ich mit meinen Gedanken permanent nach aussen orientiert. Ich kümmere mich um die Bedürfnisse anderer Menschen, tauche in ihre Welt ein und versuche herauszufinden, was sie brauchen und was ihnen gut tut. Mein Team ist super und ich hätte wohl kein besseres finden können, aber vier bis sechs Frauen auf einem Haufen (mich eingeschlossen), sind nicht zwingend immer flexibel und unkompliziert. Kurz gesagt: Ruhepausen sind dringend nötig.

Abends gehe ich entweder direkt in meine Wohnung oder mache noch einen Abstecher ins Fitnesscenter, bevor ich nach dem Abendessen auch schon gleich wieder ins Bett falle. Deshalb habe ich mir angewöhnt, meinen Wecker bereits auf 6 Uhr morgens zu stellen. Dann habe ich bis zu meinem Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr 1.5h Zeit, um in Ruhe wach zu werden und in den Tag hinein zu finden. Diese Stunden am frühen Morgen gehören nur mir alleine und sind echte Freizeit, weil es nichts zu arbeiten oder erledigen gibt.

Natürlich gehören bei mir zwei grosse Tassen Kaffee genauso zum morgendlichen Ritual wie mein flauschiger Bademantel und Musik aus dem Radio. Ich mag es, beim Hellwerden aus dem Fenster zu schauen und zu beobachten, wie das Dorf um mich herum langsam zum Leben erwacht.

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Da ich keine Tageszeitung abonniert habe, schaue ich mir gerne Videos, beispielsweise Dokus, im Internet an und tue so entspannt etwas für meine Allgemeinbildung. Das aktuelle Tagesgeschehen erfährt man da zwar nicht, dafür so einiges über die Menschen und das Leben. Die Nachrichten kann ich mir dann immer noch getrost im Radio anhören oder abends auf dem Weg zum Sport die Newsbildschirme im Bus studieren.

Erholung muss nicht immer nur am Abend stattfinden und das frühere Aufstehen bringt mir viel mehr, als wenn ich abends länger wach wäre. Die Quality time am Morgen lässt mich in der Regel ausgeglichen und stressfrei in den neuen Arbeitstag starten, weil ich zuerst etwas für mich selbst getan habe, bevor ich mich auf die anderen konzentriere.

Alltagsgeschichten

Leben streifen

Nun arbeite ich schon seit fast sechs Wochen als Ernährungsberaterin i.A. in einem Schweizer Akutspital. Was soll ich sagen? Es ist toll! Die Zeit vergeht wie im Flug, ich lerne jeden Tag dazu und beginne Stück für Stück, mich in meiner Rolle als ernährungstherapeutische Fachperson wohl und zuhause zu fühlen.

Dabei berührt es mich immer wieder, wie nahe ich den Menschen komme, wenn ich mit ihnen über das Essen spreche. Sie erzählen mir aus ihrem Leben, lassen mich teilhaben an ihren Ängsten und Sorgen und vertrauen mir das eine oder andere Laster an. Ich streife Leben, Schicksale, jeden Tag. Die einen lassen mich näher an sich heran, die anderen halten mich auf Distanz. Beides ist okay.

Wenn ich ein Patientenzimmer betrete oder eine Klientin aus dem Wartezimmer abhole, weiss ich nie, wer oder was mich erwartet. Es gehört zu meinem Beruf, in sekundenschnelle die verbalen und insbesondere auch die nonverbalen Signale meines Gegenübers aufzunehmen und mich auf dessen individuelle Persönlichkeit einzulassen. Das ist zuweilen sehr anstrengend, aber wenn man nach einigen Minuten Gespräch von einer zunächst ablehnenden und verschlossenen Patientin ein aufrichtiges Lächeln bekommt, war es die Mühe mehr als wert. Diese Moment sind es unter anderem, die meine Arbeit so wundervoll machen.

Studiumsgeschichten

Der erste Arbeitstag

Am Donnerstag war es nun also so weit und ich hatte meinen ersten Arbeitstag als Ernährungsberaterin in Ausbildung in einem Schweizer Kantonsspital. Meine kleine, gemütliche Personalwohnung hatte ich am Vortag bezogen und ich fühle mich dort schon richtig wohl. Noch etwas wohler fühle ich mich, seit ich weiss, dass es im Nebengebäude eine jederzeit zugängliche Starbucks-Kaffeemaschine für das Personal gibt. Was will man mehr?

Um Punkt 8 Uhr sollte mich in den neuen Büroräumlichkeiten der Ernährungsberatung einfinden. Was mit Sicherheit einmal toll wird, ähnelt im Moment noch einer Baustelle. Medizinisches Fachpersonal und Handwerker geben sich die Klinken in die Hand und noch weiss niemand so genau, was wo hingehört. Begeistert bin ich allerdings davon, dass für die Studierenden ein eigenes Büro mit elektrisch höhenverstellbaren Stehpulten vorgesehen ist. So lässt es sich arbeiten! Die Büroräumlichkeiten der Ernährungsberatung befinden sich neu in einem Nebengebäude des Haupthauses, sodass bei der Arbeit auf den Stationen für ausreichend Bewegung gesorgt ist.

Da ich den obligaten Einführungstag für sämtliche neuen Mitarbeitenden erst im März nachhole, wurde ich zwischendurch zum Fototermin für den Personalbadge aufgeboten. Dabei lernte ich einen sympathischen Assistenzarzt kennen, der mir, ganz Gentleman, den Vortritt liess. Das Foto ist, naja, so ein richtiges Personalausweisfoto eben. Dafür gehöre ich nun offiziell zur Belegschaft und meine Konsumationen in Personalrestaurant und Cafeteria werden mir direkt vom Lohn abgezogen. Bei meinem Praktikantenlohn und umgekehrt proportional dazu hohen Kaffeekonsum sollte ich wohl aufpassen, dass ich Ende des Monats nicht noch draufzahlen muss.

Am Nachmittag durfte ich dann meine erste Ernährungstherapie vorbereiten und mit meiner Praxisausbildnerin auf die Station. Um 16 Uhr fand eine teaminterne Supervision statt, an der ich ebenfalls teilnehmen durfte. Anschliessend daran zogen wir uns um und ich durfte meine Mitarbeiterinnen an ein interprofessionelles Bariatrie-Board begleiten. Es wurden Patientinnen und Patienten besprochen, die für einen chirurgischen Eingriff zur Gewichtsreduktion vorgesehen sind. Anwesend waren Chirurgen, Internisten, ein Endokrinologe, ein Gastroenterologe, Psychologen sowie mehrere Ernährungsberaterinnen. Mega spannend! Danach ging es nahtlos weiter mit einer interprofessionellen Weiterbildung zum Thema Post (Gastric) Bypass Hypoglycemia. Einfach ausgedrückt geht es damit um Blutzuckerabfälle, welche bei (Magen-)Bypass Patienten nach der Nahrungsaufnahme entstehen können. Eine adäquate Ernährung ist dabei die Therapie erster Wahl.

Während des Vortrags gab’s die Vorspeise und anschliessend eine leckere Hauptspeise sowie ein Dessert. Alles gesponsert von einer Pharmafirma. So lässt es sich dinnieren. Für mich war es eine ideale Gelegenheit, mein Team etwas näher kennenzulernen sowie Bekanntschaft mit Teilen der Ärzteschaft zu machen.

Eine Arbeitskollegin und ich machten uns schliesslich zu Fuss auf den Heimweg zum nahegelegenen Personalhaus. Da weder sie noch ich über einen wirklich ausgeprägten Orientierungssinn verfügt, landeten wir schliesslich auf der Rasenfläche hinter den Leitplanken entlang der Hauptstrasse. Um 22.20 Uhr kam ich schliesslich hundemüde aber happy in meiner kleinen Wohnung an.

 

 

Wohngeschichten

Moni packt (mal wieder)

Nach einem recht unspektakulären Start ins Jahr 2018 steht bei mir nun die nächste grosse Herausforderung vor der Tür: Ich starte in mein letztes grosses Praktikum und damit auch zur letzten Etappe auf dem Weg zur Berufsbefähigung als Ernährungsberaterin. Juhu!

Zwölf Monate werde ich in einem Schweizer Kantonsspital mit rund 400 Betten in der Ernährungsberatung arbeiten und ich freue mich riesig darauf. Seit meinem letzten Praktikum ist bereits mehr als ein Jahr vergangen und ich kann es kaum erwarten, all das angehäufte Wissen aus den drei Jahren Studium in der Praxis anzuwenden. Bisher musste ich einen Betrieb jeweils nach spätestens drei Monaten wieder verlassen. Meistens also genau dann, wenn ich mich gerade so richtig eingelebt hatte und begann, mich in meiner Rolle als angehende Ernährungsberaterin wohlzufühlen. Nun bin ich gespannt, wie es sein wird, über längere Zeit Vollzeit zu arbeiten und Klientinnen und Klienten über mehrere Monate hinweg betreuen zu können. Auf den Kontakt mit den Patientinnen und Patienten sowie die interprofessionelle Zusammenarbeit im Krankenhaus freue ich mich besonders. Bestimmt ergibt sich die eine oder andere Begegnung, von der ich dann hier auf meinem Blog berichten kann.

Da ich noch keine eigene Wohnung habe sondern nach dem Studienabschluss in Bern wieder bei meinen Eltern eingezogen bin, habe ich mich dazu entschieden, unter der Woche zumindest vorläufig in eine Personalwohnung direkt neben dem Spital zu ziehen. Wieder einmal heisst es also, meinen Haushalt zusammenzupacken und aus der Reisetasche zu leben. Da ich dieses Mal eine ganze Wohnung, inklusive Miniküche und Bad, und nicht nur ein Zimmer für mich habe, möchte ich es mir auch gemütlich einrichten. Schliesslich will ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag wohl fühlen und erholen.

Spitalgeschichten

Kann ich mit dem Worst Case leben?

Von meinem Gesprächstermin diese Woche hatte ich euch ja bereits berichtet. Auch davon, dass ich nun zu wissen glaube, was ich brauche, um mich zu hundert Prozent für die Operation zu entscheiden. Oder eben dagegen.

Ich bin grundsätzlich für die Operation, weil ich das Happy End will. Unbedingt! Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich dieses Happy End bekomme. Aber eben auch nicht sicher.

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Die Frage ist nun, ob ich auch damit leben kann bzw. will, wenn die Operation nicht wie geplant verläuft und ich bestenfalls beim Status Quo lande oder bei einer Variante, von der ich noch weniger begeistert bin, als von der IST-Situation. Wenn ich diese Frage mit Nein beantworte, dann sollte ich die Operation vernünftigerweise bleiben lassen. Wenigstens für den Moment.

Deshalb setze ich mich aktuell nicht primär mit der geplanten Operation und all ihren Chancen und Risiken auseinander, sondern ich versuche mich an das Gefühl heranzutasten, wie das Leben für mich wäre, wenn mein persönlicher Worst Case eintritt. Nur wenn ich überzeugt bin, dass ich mich auch mit dieser Variante zumindest mittelfristig arrangieren könnte, werde ich die OP-Einwilligung unterschreiben. Das habe ich mir selbst und meinen Angehörigen fest versprochen.

Spitalgeschichten

Ein zweites Paar Augen und Ohren

Diese Woche hatte ich einen wichtigen Besprechungstermin. Es ging um die im Herbst geplante Operation. Zum ersten Mal seit Jahren bin ich nicht alleine hingegangen, sondern habe jemanden mitgenommen. Meine beste Freundin. Sie kennt mich in- und auswendig. Ihre Meinung ist mir unglaublich wichtig. Abgesehen davon hat sie sich in den letzten Wochen vertieft mit meiner Thematik auseinandergesetzt. Was die medizinische und vor allem die operationstechnische Seite anbelangt, hat sie berufsmässig viel mehr Ahnung als ich.

Ich habe sie nicht mitgenommen, weil ich Angst vor den Ärzten habe oder ihnen nicht vertraue. Ich habe sie mitgenommen, damit noch jemand anderes zuhört. Jemand, der auch bei den Dingen ganz genau hinhört, die ich vielleicht nicht hören will. Jemand, der auch zwischen den Zeilen lesen kann und mir danach ehrlich seine Meinung sagt. Auch wenn sie vielleicht weh tun. Auch wenn sie vielleicht Dinge anspricht, die ich lieber nicht wahrhaben möchte.

Der Termin war nicht schön. Die Operation ist nicht schön. Aber das Gespräch war unglaublich wertvoll. Zu einen, weil ich mich von medizinischer Seite her nun noch besser aufgeklärt fühle. Vor allem aber, weil ich nach dem anschliessenden Gespräch mit meiner Freundin nun zu wissen glaube, was ich noch brauche, damit ich mich Ende September ganz bewusst für oder gegen die Operation entscheiden kann. Mit all den möglichen Konsequenzen.

Ich möchte mit diesem Beitrag zwei Dinge vermitteln:

  1. Fordert von euren behandelnden Ärzten so viele Informationen und Gespräche ein, bis ihr euch sicher seid, dass ihr eine gut informierte Entscheidung treffen könnt. Niemand kann den Verlauf während oder nach einem chirurgischen Eingriff mit Sicherheit voraussagen. Das können auch die Ärzte nicht. Aber wenn ihr das wollt und braucht, dann können sie mit euch die Einzelheiten des Eingriffs durchgehen und euch mögliche Szenarien offenlegen. Die schönen und die nicht so schönen. Während ihr in Narkose liegt, muss der Chirurg unter Umständen Entscheidungen treffen, die euren Alltag für den Rest eures Lebens beeinflussen können. Wenn ihr davor gut informiert seid, könnt ihr mitbestimmen, was in welchem Fall gemacht werden soll und was nicht. Das mindert die Wahrscheinlichkeit für unangenehme Überraschungen im Aufwachraum, auch wenn es sie nicht komplett ausschliesst.
  2. Wenn ihr euch unsicher seid, lasst euch zu Arztterminen begleiten. Nehmt einer Person mit, der ihr zu 100 Prozent vertraut und die euch anschliessend offen und ehrlich ihre Meinung sagt. Jemand, dem ihr wichtig seid. Jemand, der seine Bedenken differenziert äussern kann, der aber auch seine eigenen Ängste von dem differenzieren kann, was für euch wichtig ist. Es ist euer Körper, euer Leben. Eure Angehörigen haben Angst um euch. Mehr vielleicht, als ihr selbst. Das ist in Ordnung, aber ihr dürft eure Entscheidung nicht davon abhängig machen, was für eure Familie und Freunde das Beste ist. Wenn ihr bewusst euren Weg geht und voll hinter den von euch getroffenen Entscheidungen steht, können sie auch darauf vertrauen, das ihr mit einer Situation zurecht kommt. Egal, ob nun das Happy End oder der Worst Case eintrifft.