ERB-Geschichten

Ungesehene Reste

Ich hatte heute einen fast komplett blinden Klienten in Begleitung seiner Ehefrau in der Ernährungsberatung. Er wurde vom Hausarzt wegen Übergewicht und einem neu diagnostizierten Diabetes mellitus Typ II überwiesen. Im Lauf der Beratung stellte sich rasch heraus, dass sein Hauptlaster sogenannte Stärkebeilagen sind: Reis, Polenta, Bulgur, Quinoa und ganz besonders Teigwaren.

Der Mann erzählt mir, dass er jeweils abends zwei grosse Teller Pasta schöpfe und da er zu der Generation gehört, die als Kind noch gelernt hat, dass man immer alles aufessen muss, nehme er halt manchmal dann auch noch die Reste. Seine Ehefrau, die sehr bemüht ist, ihm beim Gewichtsmanagement zu unterstützen, grinst: „Der Vorteil daran, dass er nicht sehen kann, ist, dass ich ihm problemlos erzählen kann, die Pfanne sei leer, obwohl noch Reste übrig sind.“ Ich bin erst etwas baff ab dieser Aussage, doch ich merke rasch, dass auch mein Klient herzlich darüber lachen kann und amüsiere mich mit den beiden. Sich selbst und sein Schicksal nicht immer so ernst zu nehmen, ist und bleibt eben eine hervorragende Ressource für unbeschwerte Momente. Bei ihm besteht zumindest nicht die Gefahr, dass die Augen grösser sind als der Hunger.

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Essgeschichten, Wohngeschichten

In der Fremde daheim

Zurzeit haben wir in der WG einen PhD-Studenten aus Italien zu Gast. Er ist zwar nur einen Monat hier, aber er hat sich ein Stückchen Heimat mitgebracht. Essen.

Was essen Italiener am liebsten? Pasta. Keine Ahnung, ob dem wirklich so ist, aber wenn doch, dann ist unser Kurzzeit-Mitbewohner ein wandelndes Klischee. Er hat nicht nur seine eigene Pasta dabei, sondern auch gleich noch einen ganzen Liter Olivenöl. Sicher ist sicher. Eigentlich sind das auch bei uns in der Schweiz Grundnahrungsmittel, doch sie schmecken eben nicht gleich wie in Italien.

Nach dem gemeinsamen Kochen mit ihm habe ich nun eine Vorstellung davon, was al dente bedeutet (ziemlich bissfest, aber ich mag’s) und weiss, dass man bereits aus einfachen Zutaten wie Olivenöl, Zwiebeln und Champignons eine leckere Sauce zaubern kann.

Ich find’s spannend, wie sehr wir Heimat auch mit dem verbinden, was wir essen. Die meisten Menschen haben eines oder mehrere Lebensmittel, die sie mehrmals wöchentlich oder gar täglich konsumieren. Bei mir ist das Magerquark. Ganz gewöhnlicher Magerquark, der noch nicht mal besonders viel Eigengeschmack hat geschweige denn typisch schweizerisch ist. Ich esse ihn zum Frühstück mit Chiasamen oder Mandelmus, zum Mittagessen an der Uni mit Früchten und einem Brötchen oder mit Kräutern als Sauce zu Kartoffeln und Fisch. Yummi!

Mein Bruder ist nach zehn Monaten von einer Reise durch Südamerika zurückgekehrt. Auf welches kulinarische Highlight hat er sich gefreut? Eine richtige Salatsauce.