Studiumsgeschichten, Wohngeschichten

Wenn der Kaffee versiegt

Wann ist es Zeit zu gehen? Wenn das Pulver gerade noch für einen Kaffee reicht.

Nach 35 Arbeitstagen und 99 Tassen Instantkaffee neigt sich mein fünftes und damit zweitletztes Praktikum dem Ende zu. Obwohl es mangels Patienten nicht besonders ereignisreich war, konnte ich doch einige Erfahrungen dazu gewinnen und verschiedene Eindrücke mitnehmen. Irgendetwas lernt man ja immer und im direkten Kontakt mit Menschen sowieso.

Besonders beeindruckt hat mich die Palliativstation in dem Krankenhaus, in dem ich die letzten zwei Monate gearbeitet habe. Dort werden Patientinnen und Patienten gepflegt, die unheilbar krank sind und bei denen man nur noch die Symptome, nicht aber die Krankheit selber bekämpft. Viele verbinden die sogenannte palliative care direkt mit dem Tod, aber nicht jeder, der auf einer Palliativstation lebt, wird unmittelbar sterben. Mit vielen chronischen Erkrankungen, wie beispielsweise diversen Krebsarten oder neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose, kann man noch viele Jahre leben und die Palliativmedizin hat zum Ziel, die Lebensqualität der Betroffenen so hoch wie möglich zu halten.

Ich war beeindruckt von der Hingabe, mit der die Pflegenden sich um ihre Patienten kümmern. Auf dieser Station funktioniert die Medizin so, wie ich sie mir überall wünschen würde: Der Mensch steht im Fokus, mit seinen individuellen Wünschen und Bedürfnissen. Man nimmt sich Zeit, geht auf die Patienten ein und tut alles, was möglich ist, damit sie sich wohl fühlen. Das hat mich geprägt und das werde ich mitnehmen.

Bei allem, was auch wir als Ernährungsberaterinnen und -Berater tun, sollten wir uns immer fragen, was für den Patienten gerade das Wichtigste ist und wie wir ihm oder ihr Gutes tun können. Manchmal deckt sich das mit unserem Wissen und unserer professionellen Meinung, manchmal aber auch nicht. Dann gilt es, das Gespräch zu suchen und Kompromisse zu finden.

Damit packe ich meine sieben Sachen zusammen und begebe mich via Zürich für die nächsten zwei Monate wieder an die Fachhochschule nach Bern. Es warten (spannende) Module, die Bachelorarbeit sowie die Bewerbungen für das zehnmonatige Abschlusspraktikum auf mich. Langweilig wird es also bestimmt nicht und ich werde mir sofort neuen Kaffee kaufen müssen, um genügend Power zu haben.

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Ich habe mal wieder alles zusammengepackt und meine treue Begleiterin – die Reisetasche – umzugsfertig gemacht.
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Studiumsgeschichten, Wohngeschichten

Abende im Personalhaus

Auf meinem Stockwerk im Personalhaus gibt es zum Glück einige sympathische und aufgeschlossene Leute, welche sich in unterschiedlicher Zusammensetzung gerne abends in der Küche zum gemeinsamen Essen treffen. Es läuft ab wie bei einer Art Picknick, bei welchem jeder seine Verpflegung, egal ob warm oder kalt, selber mitbringt. Reinigungsfachfrauen, Assistenzärzte, Pflegefachfrauen, medizinisch technische Radiologie Assistenten und noch einige Profession mehr. Die Alterspanne reicht von knapp 20 bis gut 50 und die Nationalitäten sind quer durch Europa bunt gemischt.

Wir arbeiten alle im Spital und wir sind alle mehr oder weniger weiter von unserem Heimatort beziehungsweise unserem Zuhause, unseren Familien und Freunden entfernt. Das verbindet.

Auch wenn wir den ganzen Tag von Patientinnen und Arbeitskollegen umgeben sind, so glaube ich doch, dass viele von uns sich abends alleine im Zimmer gelegentlich etwas einsam fühlen. WhatsApp, Facebook und Co. ersetzen eben keine echten menschlichen Begegnungen und ein Chat hat niemals die Tiefe und Emotionalität einer mündlichen Konversation.

Deshalb schätze ich es jeweils sehr, im Schlabberlook in der kargen kleinen Küche zu sitzen und mich zu unterhalten. Auch wenn es nur ein „Hey, wie war dein Tag?“ ist, gibt mir das das Gefühl, dass jemand da ist und sich für mich interessiert.

Oft reden wir belangloses Zeug, lernen uns kennen, tauschen den neusten Kliniktratsch aus (seeeeehr spannend!) oder geben uns gegenseitig praktische Tipps für das (Über-)Leben im Personalhaus und der Innerschweiz. Manchmal wird es auch ernster und wir diskutieren über fragwürdige Wahlergebnisse aus dem Ausland oder aktuelle innenpolitische Themen.

Heute hatte jemand Redebedarf. Sie hat mir von einem traurigen Kapitel in ihrem Leben erzählt und wie sehr sie auch nach Jahren unter dem Tod eines geliebten Menschen leidet. Das hat mich sehr berührt. Was sie gebraucht hat, war, dass jemand aufmerksam zuhört und für die Dauer eines Abendessens Anteil nimmt. Dass so etwas auch in einer Zweckgemeinschaft, wie sie das Zusammenleben im Personalhaus nun einmal ist, Platz findet, empfinde ich persönlich als sehr wertvoll.

Von meiner Einzimmerwohnung in Bern bin ich es gewohnt, abends alleine zu sein und das macht mir grundsätzlich auch nichts aus, aber dort bin ich tagsüber auch von Mitstudierenden umgeben, die mir persönlich viel näher sind, als die Arbeitskollegen hier im Spital. An „fremden“ Orten tendiere ich generell eher dazu, mich zurückzuziehen und im Hintergrund zu halten, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut tut, sich einfach an den Küchentisch dazu zu setzen und jeden Abend aufs Neue zu sehen, wenn man zwischen Herd und Kühlschrank so antrifft.

 

Wohngeschichten

Offline

In meiner ersten Woche im Personalhaus hatte ich, abgesehen von meiner Handyflatrate, kein Internet. Ich gebe es zu, im Vorfeld hat mich das echt gestresst. Eine Woche ohne W-Lan!?

Anschliessend hat es mich genervt, dass ich mir den Kopf darüber zerbreche, für fünf Abende nicht unbeschränkt im World Wide Web surfen und mich so beschäftigen zu können. Ich will doch nicht wirklich von etwas virtuellem, nicht realem abhängig sein. Ganz abgesehen davon, dass ich (mit Ausnahme von Kaffee vielleicht) von gar nichts abhängig sein möchte.

Ich arbeite jeweils von sieben bis sechzehn Uhr, sodass meine Abende im Personalhaus relativ lang sind. Zum Glück bin ich an einem Ort in der Schweiz gelandet, den ich noch so gut wie gar nicht kenne und der bei dem aktuell traumhaften Herbstwetter eine ideale Kulisse für lange Spaziergänge bietet. Herrlich!

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Wenn ich dann zurück komme, bereite ich mir in alle Ruhe ein kleines Abendessen vor und geniesse es mit Blick aus dem Fenster und auf die Berge. Keine Ablenkung durch TV oder Facebook und Co.

Abwaschen, duschen, Schlabberlook anziehen, Tee kochen und danach habe ich immer noch so richtig viel Zeit für so etwas Tolles wie…ein Buch! Ich weiss nicht, wann ich zum letzten Mal die Zeit und die Muse hatte, um vierhundert Seiten in fünf Tagen zu lesen, aber ich werde es wieder tun.

Ich will hier keine Predigt über das böse Internet und die „Genereation online“ halten, aber ich hatte schon das Gefühl, dass ich abends beim Lesen und ohne Musik oder andere Hintergrundgeräusche sehr gut abschalten konnte. Auch das Einschlafen fiel mir nicht schwer, sodass ich am Morgen trotz Erkältung jeweils erholt und fit für den neuen Tag war.