Spitalgeschichten

Die Behinderte

Meine Zimmernachbarin, in bereits etwas fortgeschrittenen Alter, ist, unter anderem wegen der Medikamente, die sie zurzeit bekommt, zuweilen etwas verwirrt. Nachts veranstaltet sie Apéros, zu denen niemand kommt und räumt das ohnehin schon spärlich eingerichtete Krankenzimmer mit unnachahmlicher Akribie auf. Als Nachtpfleger Martin sie darauf hinweist, dass die Frau im Nebenbett (Ich) eventuell schlafen möchte, antwortet sie sofort: „Ja, das arme Ding, sie ist auf einmal und ganz plötzlich so behindert.“ Martin und ich müssen beide laut lachen. Ich gehe zwar wie eine hundertjährige und würde vermutlich in einem Schneckenrennen den letzten Platz machen, aber so dramatisch sehe ich die Situation noch lange nicht.

Studiumsgeschichten

Vorlesung – Hingehen oder nicht?

(Erfolgreich) studieren ist eine Kunst, die man bis zu einem gewissen Grad erlernen kann. Eine Frage, die Studierende immer wieder umtreibt, ist der Nutzen von Vorlesungsbesuchen. Vermittelt der Dozent das Wissen auf anschaulichere Weise als das Lehrbuch oder gibt er gar zusätzliche Informationen, die an der Prüfung abgefragt werden? Oder sitze ich einen ganzen Tag an der Hochschule und schreibe Blogeinträge, weil die Dozentin einfach ihre Folien vorliest und ich sie in der Hälfte der Zeit selber hätte durcharbeiten können? Frei nach dem Motto: „Wenn alles schläft und einer spricht, sowas nennt man Unterricht.“

In den meisten Fällen gelingt es mir nicht im Voraus diese Fragen eindeutig zu beantworten, womit ich zu den Stundentinnen gehöre, die in den Lehrveranstaltungen regelmässig anwesend sind. Regelmässig, aber nicht immer.

Mit zunehmender Erfahrung lernt man, was man braucht, um den Stoff zu verstehen und an den Prüfungen gut abzuschneiden. Ausserdem gibt es einfach Dozenten, deren Lehrveranstaltungen man auf keinen Fall verpassen will, weil sie einem immer wieder vor Augen führen, warum man sich für ein Studium im jeweiligen Fach entschieden hat. Richtig spannend wir es dann, wenn man zum Mitdenken angeregt wird und eine Diskussion zwischen den Studierenden und den Lehrenden entsteht.

Heute war ich mal wieder in einer richtig guten Vorlesung. Woran ich das erkannt habe? Die Dozentin hat es geschafft, dass ich ihr in der kritischen Zeit zwischen 17 und 19 Uhr abends meine volle Aufmerksamkeit geschenkt habe und danach wacher war als zuvor.

Wohngeschichten

Das Monster unter meinem Bett

Es ist Sonntagabend, 23.30 Uhr. Nachdem ich kurz vor 22 Uhr in meiner WG in Bern angekommen bin, mir einen warmen Tee gemacht und einen Film geschaut habe, will ich nur noch kurz mein Bett frisch beziehen und dann sofort schlafen gehen.

Als ich meine Bettdecke anhebe, krabbelt ein riesiges schwarzes etwas davon. Die Arachnophobikerin in mir ist sofort hellwach und aufs äusserste genervt über die überraschende Wendung des bis anhin gemütlichen Abends.

Zum Nachdenken ziehe ich mich auf meinen, dem Bett gegenüber stehenden, Sessel zurück, hebe die Beine an und starre auf den Ort, an dem ich das Untier vermute. Nichts bewegt sich.

Ich will mich erwachsen Verhalten und lege mich auf den Boden, um die Spinne mittels Taschenlampe unter meinem Bett aufzuspüren. Die erste Suche bleibt erfolglos, doch dann entdecke ich das Vieh auf der unteren Seitenkante meines Bettrahmens. Unmöglich, ihr den Gar auszumachen, ohne dass sie etwas davon mitbekommt und sich mit ihren haarigen acht Beinen bewegt. Gänsehaut.

Planänderung. Meine Faulheit der letzten zwei Wochen zahlt sich aus, die aufblasbare Gästematratze liegt noch immer einsatzbereit auf dem Boden meines Zimmers, und ich beschliesse die Nacht im Wohnzimmer zu verbringen.

Gerade als ich meine sieben Sachen gepackt und einen letzten Kontrollgang gemacht habe, höre ich meine Mitbewohnerin im Treppenhaus. Halleluja!

Todesmutig und mit einem Glas bewaffnet begibt sie sich mit mir an den „Tatort“. Wie soll es auch anders sein, die Spinne ist verschwunden. Trotz ausführlicher Suche entdecken wir sie nicht mehr. Das Monster muss sich irgendwo in eine dunkle Ecke verkrochen habe.

Im Wohnzimmer schlafe ich überraschend gut. Am Morgen graut mir vor dem ersten Gang in mein Zimmer, doch weder die mutige Spinnenfängerin an meiner Seite noch ich können das Biest finden. Noch bin ich unschlüssig, ob mich das beruhigt oder ob ich sicherheitshalber noch eine Nacht im Wohnzimmer verbringen soll.