Studiumsgeschichten

Wer studiert Ernährung?

Bei der Vorstellungsrunde am zweiten Studientag konnte ich mir zwar längst nicht alle Namen merken, dafür wurde mir klar, wie breit gefächert die Hintergründe sind, die die Leute in meiner Kohorte (Ja, das Wort wird mich die nächsten drei Jahre wohl verfolgen) mitbringen. An der Uni und der ETH, wo ich zuvor studiert habe, haben die meisten den „klassischen“ Weg eines jeden Hochschulstudenten über das Gymnasium und die Matura absolviert. Hier ist das eher die Ausnahme.

Viele haben eine Berufslehre und die Berufsmittelschule gemacht. Einige kommen aus Berufen, die entfernt mit Ernährung und Gesundheit zu tun haben: Köche (die keine rohen Tomaten mögen), Fachangestellte Gesundheit, medizinische Praxisassistentinnen oder Pharmaassistentinnen. Andere haben eine kaufmännische oder gar technische Ausbildung.

Mit dabei sind ein junger Vater, mindestens zwei Mütter, Ehefrauen, viele Freundinnen und einige Singles. Einige pendeln mehr als drei Stunden pro Tag, andere wohnen in der Nähe und wieder andere sind, so wie ich, vor kurzem nach Bern in eine WG oder kleine Wohnung gezogen.

Ein Volleyballteam würden wir locker zustande bringen und Jogger für eine Stafette gäbe es auch genug. Die einen lieben italienisches Essen, andere bevorzugen die asiatische Küche oder ernähren sich gar teilzeit-vegan.

Unsere unterschiedlichen Biographien und die enorme Spannweite an bereits vorhandenem oder eben nicht vorhandenem Vorwissen werden das Studium und die Diskussionen vor, in und nach den Seminaren bestimmt sehr bereichern.

Essgeschichten

Essen als Lebensinhalt

Folgender Beitrag hat nicht mit der Stadt Bern sondern mit meinem bald beginnenden Studium in Ernährung und Diätetik zu tun.

Vor ein paar Jahren wurde man noch schief angeschaut, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, kein Fleisch essen wollte. In den Restaurants war das Angebot für Vegetarier noch sehr beschränkt und hin und wieder konnte man einfach nur das Gemüse und die Sättigungsbeilage eines Gerichtes bestellen, weil es per se nichts Fleischloses auf der Karte gab.

Heute ist das zum Glück anders und selbst Veganer, die weder Fleisch noch andere tierische Produkte essen, kommen auf ihre Kosten. Das Bewusstsein für gesunde und nachhaltige Ernährung scheint mir allgemein grösser geworden zu sein und das ist  richtig so.

Fast täglich liest man in irgendeiner Gratiszeitung einen Artikel über neuste Erkenntnisse aus dem Gebiet der Ernährung, es gibt unzählige Diäten, „Wunderpillen“ und Programme für die Bikini-Figur in 10 Tagen. Auf Blogs und in sozialen Netzwerken leben einem Leute vor, wie sie sich mit viel Workout und peinlichst genau abgewogenen Mahlzeiten fit halten. Wen erstaunt es da, dass immer mehr Leute verwirrt sind von der Flut an Informationen und sich verkrampft an dem festhalten, was ihnen richtig erscheint?

Essen hat heute für viele nicht mehr nur mit Nahrungsaufnahme und Genuss zu tun, sondern ist zu einer Lebenseinstellung oder eben einer Ersatzreligion geworden. Man will sich und der Umwelt gutes tun, durch striktes Essverhalten Disziplin beweisen und einen – nach den heutigen gesellschaftlichen Normen- schönen Körper zur Schau stellen.

Orthorexie hat sich neben Bullimie, Anorexie und Binge Eating in die Kategorie der Essstörungen eingereiht. Gesunde Ernährung kann zum Zwang führen und damit zu ähnlichen Begleitsymptomen wie bei der Magersucht.

Wenn die Beschäftigung mit dem Essen zum Lebensinhalt wird, bleibt die Seele auf der Strecke. Gesunde Ernährung ist wichtig – sie hat ihren Platz im Alltag und in den Köpfen der Menschen verdient- aber sie ist eben nicht alles und die Art, wie wir uns ernähren, sagt nur sehr wenig über unser Persönlichkeit aus.

Ich bewundere Menschen, die ihr Essen geniessen, sich auch mal mit einem Stück Torte bewusst etwas Gutes tun und auf ihren Körper und seine Bedürfnisse vertrauen. Wer sich seiner selbst bewusst ist, auf die Signale von Körper und Seele hört, also auch zwischen physiologischem Hunger und Seelenhunger unterscheiden kann, wird auf lange Zeit viel glücklicher und gesünder durchs Leben gehen, als jemand, der jeder Diät und jedem Ernährungstrend nachrennt.